Wirtschaftliche Autarkie in der Europäischen Union?

Prof. Dr. rer. pol. W. Edelfried Schneider

04.04.2022

Das Konzept wirtschaftlicher Autarkie hat eine lange Tradition in der Wirtschaftsgeschichte. Bereits der liberale Ökonom Adam Smith (1723 – 1790) lobte die damalige protektionistische britische Handelspolitik, die unter Bevorzugung nationaler Wirtschaftstätigkeiten zugleich dem Selbstschutz des Britischen Empire dienen sollte.

Auch John Maynard Keynes schrieb 1933: „Wir alle müssen so frei wie möglich von wirtschaftlichen Veränderungen anderswo sein“. Auch der Zweite Weltkrieg war teilweise Resultat der nationalen deutschen Politik, Versorgungssicherheit durch Eroberungen in Osteuropa sicherzustellen.

Nach dem Krieg fiel die Idee der Autarkie im Westen in Ungnade. Der freie Handel brachte über Jahrzehnte enorme Wohlstandsgewinne; „Wandel durch Handel“ sollte die Welt zu einem sichereren Ort machen.

Diese Vorstellung ist am Schwerdonnerstag 2022 durch den Einmarsch Russlands und der putinschen Armee in die Ukraine abrupt gebrochen worden.

Die Abhängigkeit von russischen Wirtschaftsgütern aller Art, von Rohstoffen bis zu Grundnahrungsmitteln, ist in dramatischer Weise ins Bewusstsein der Bürger gerückt. Nicht nur in Deutschland, sondern in ganz Europa.

Dabei ist – glaubt man jedenfalls den Medien – das Phänomen unserer wirtschaftlichen Abhängigkeit längst bekannt. Auch EU-Kommissar Thierry Breton hat bereits im vergangenen Jahr eine Liste mit 137 Produkten vorgelegt, bei denen die Versorgungssicherheit der EU aufgrund der Abhängigkeit von anderen Staaten ein zu großes Risiko für den Wohlstand Europas darstellt. Die Frage ist also, ob man einerseits – wie politisch mehrfach und insbesondere von dem ukrainischen Präsidenten gefordert – die Lieferketten zu den russischen Importen radikal einstellen soll oder ob man im Interesse einer einigermaßen funktionierenden Wirtschaft in Europa diesem Vorhaben sich nur langsam und unter Beischaffung von Alternativen öffnen kann.

Die Universität Tübingen hat in Studien ermittelt, dass eine vollumfassende Autarkie der deutschen Wirtschaft eine Schrumpfung von fast 20% der Wirtschaftsleistung mit sich bringen würde, was in einer ökonomischen Katastrophe enden könnte. Für Europa sollten diese Erkenntnisse nicht wesentlich anders sein, zumal nicht auszuschließen ist, dass auch andere autoritäre Importstaaten sich der europäischen Nachfrage verschließen. Es besteht Einigkeit, dass eine komplette Abschottung von den Weltmärkten weder sinnvoll noch möglich ist. Europa braucht einen Kompromiss zwischen Resilienz und Effizienz. Hierzu werden drei Kategorien von Gütern unterschieden:

Die erste Kategorie sind einfache Industriegüter, für die sich der Aufbau einer eigenen absichernden Produktion wirtschaftlich nicht rechnen würde.

Die zweite Kategorie sind Rohstoffe, über die Deutschland und Europa schlichtweg nicht verfügen. Diese Produktionsfaktoren können nur durch entsprechende Handelsabkommen mit nahezu allen jeweils in Frage kommenden Staaten abgesichert werden. Ein Lieferantenrisiko von über 50% (wie zum Beispiel beim russischen Gas) würde man in der Betriebswirtschaft von vorneherein vermeiden. Warum die Politik für die Nationalökonomie Entsprechendes zugelassen hat, ist im Nachhinein unerklärlich.

Die dritte Kategorie von Gütern sind sogenannte Schlüsseltechnologien, wie beispielsweise Mikrochips. Zwar wird mit Milliarden-Unterstützungen in Magdeburg derzeit ein neues Chip-Werk von Intel aufgebaut. Außenhandelsexperten sind jedoch skeptisch, ob sich unter Berücksichtigung der höheren Produktionskosten und des Marktvolumens die Produktion rechnen wird.

Am Ende wird man zu dem Ergebnis kommen, dass eine wirtschaftliche Autarkie in vielen Fällen per se nicht machbar und in anderen Fällen mittel- bis langfristig ökonomisch uninteressant ist. Die volkswirtschaftliche Theorie der komparativen Kosten sagt doch gerade, dass jeder Produzent sich auf diejenigen Produkte konzentrieren soll, die er am günstigsten herstellen kann, was dann zum besten Wohlstand aller führt.

Es bleibt also nur das Streben nach Frieden oder doch zumindest gegenseitiger Anerkennung, um den Wohlstand aller Parteien zu sichern. Ob es richtig ist, überstürzt insbesondere Lieferverträge für Rohstoffe mit ansonsten wegen Missachtung der Menschenrechte verurteilten Staaten zu schließen, sei dahingestellt. Mittel- bis langfristig bleibt (West-)Europa und auch Deutschland nur der Weg einer friedlichen Koexistenz mit Osteuropa. Das werden vice versa auch Putin und seine politische Junta zur Kenntnis nehmen müssen. Die Geschichte lehrt zu deutlich - spätestens nach dem Ersten Weltkrieg -, dass ein Krieg u.a. wegen der damit verbundenen wirtschaftlichen Nachteile zum nächsten Krieg führt und insbesondere Wirtschaft und Wohlstand des Aggressors im höchsten Maße gefährdet sind.